EHC Uzwil

WM Bully mit Roger Bader

Für das St. Galler Tagblatt verfasste Roger Bader einen exklusiven täglichen Hintergrundbericht zur WM 2010. Der 45-Jährige ist ein profunder Kenner des Schweizer Eishockeys. Als Headcoach betreute er die U18-Auswahl an drei Weltmeisterschaften. Lesen Sie hier nochmals seine Eindrücke!

Samstag 8. Mai 2010

Trotz vieler Absagen gut besetzt

Für mich ist es bereits die elfte WM, welcher ich beiwohne. Als hauptamtlich tätiger Eishockeycoach interessiert mich alles, was rund um die Spiele passiert. Immer wieder stelle ich fest, wie unterschiedlich die Trainer ihre Teams auf die Partien vorbereiten. Als ehemaliger Headcoach der Schweizer U18 weiss ich, wie gross die Anspannung für Coaches und Spieler an einer WM ist. Zu sehen, wie andere Trainer mit solchen Drucksituationen umgehen, ist höchst interessant. Für die Schweizer Nationalmannschaft ist es die erste WM nach der Ära Ralph Kruegers. Dreizehn Jahre lang coachte Krueger die Auswahl an zwölf Weltmeisterschaften und an drei Olympischen Spielen und etablierte die Schweiz auf internationalem Parkett auf hohem Niveau– gleich hinter der Weltspitze. Das ist ein grossartiger Erfolg.
Viele neue Spieler
Für die Schweizer Mannschaft unter dem neuen Headcoach Sean Simpson geht es in den letzten 48 Stunden vor der ersten Partie in zwei kurzen Trainingseinheiten nur noch um den taktischen Feinschliff und das Angewöhnen an die neue Arena. Im Schweizer WM-Team sind viele neue Spieler. Einige wie zum Beispiel Damien Brunner und Nicolas Gehring sind zum erstenmal, andere wie Marcel Jenni und Julien Vauclair nach langer Zeit wieder dabei. Neu ist ebenfalls ein Spieler, der aufgrund seines Alters noch einen Vollgesichtsschutz trägt – der 17jährige Nino Niederreiter. Die Mannschaft weist ein völlig anderes Gesicht auf als am vergangenen Grossanlass. Nur sieben Spieler gehörten auch dem Olympiateam von Vancouver an. Warum so viele neue Akteure? Das hat aus meiner Sicht vor allem zwei Gründe. Erstens: Neuer Coach, neue Ansichten über Spieler und Spielsystem. Zweitens: Eine ungewöhnlich hohe Zahl von Absagen wegen Verletzungen und anderen Gründen. Möglicherweise sind viele Akteure nach einer langen Saison mit Olympischen Spielen ausgebrannt. Denn es fällt auf, dass auch die anderen Nationen nicht von Absagen verschont blieben. Die Schweizer Mannschaft wird heute (20.15Uhr) gegen Lettland zur WM starten. Doch wie ist das Potenzial des Teams einzuschätzen? Auf der Torhüterposition ist die Schweiz mit Martin Gerber und Tobias Stephan, trotz der Abwesenheit von Jonas Hiller, als stark einzustufen. Hinter die Verteidigung ist ein grosses Fragezeichen zu setzen. Spieler wie Mark Streit, Severin Blindenbacher und Raphael Diaz konnten nicht gleichwertig ersetzt werden. Der Sturm ist trotz vieler Absagen gut besetzt.
Der Kampf gegen den Abstieg?
Was kann vom Team erwartet werden? Kämpft dieSchweiz nach so vielen Absagen sogar gegen den Abstieg? Ich glaube nicht! Denn das Schweizer Nationalteam war immer dann am erfolgreichsten, wenn es keiner erwartete. Meine Prognose: Die Schweiz belegt nach der Vorrunde den zweiten Platz, qualifiziert sich nach mindestens einem weiteren Sieg in der Zwischenrunde für die Viertelfinals. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Schweiz heute mit einem Sieg ins WM-Turnier starten.
Roger Bader, Mannheim

Montag 10. Mai 2010

Erfrischendes Schweizer Offensiveishockey

An der Heim-WM vom vergangenen Jahr hatte der damalige Schweizer Eishockey-Nationalcoach Ralph Krueger den Begriff «Heimnachteil» kreiert. Er wollte damit sagen, dass sich die Erwartungshaltung des Heimpublikums und der daraus resultierende Druck durchaus negativ auf die Leistungsfähigkeit eines Teams auswirken könnten. Eine Erklärung, die nicht goutiert wurde. Deshalb war ich gespannt, wie in diesem Jahr die deutsche Nationalmannschaft mit dieser Situation umgeht. Immerhin starteten sie vorüber 77000 Zuschauern ins Heimturnier. Kann ein Team überhaupt verlieren, wenn es von so vielen Leuten lautstark unterstützt wird? Reagiert die Mannschaft übermotiviert und nervös? Oder wächst sie über sich hinaus? In der Spielvorbereitung muss der Headcoach die Stimmung genau beobachten und spüren, was das Team braucht. Der ideale Zustand einer Mannschaft wird dann erreicht, wenn die Spieler emotional aufgeladen, aber auch konzentriert und fokussiert sind. Ein Zustand, der nicht einfach zu erreichen ist.
Simpsons Taktik
Dem deutschen Nationaltrainer Uwe Krupp ist dies offensichtlich gelungen. Seine Auswahl spielte taktisch sehr gut und kontrollierte die individuell besseren Amerikaner lange Zeit, so dass die Deutschen nach zwei Dritteln mit 1:0 führten. Im letzten Abschnitt setzten die Amerikaner den Gastgeber enorm unter Druck. Das Publikum war in dieser Phase definitiv ein nicht zu unterschätzender Faktor für das deutsche Team – das Stadion glich einem Tollhaus. Auch dank der Unterstützung der Zuschauer rettete sich die Heimmannschaft in die Verlängerung, wo sie das Spiel für sich entschied. Und so lässt sich sagen: Dank Heimvorteil zum Überraschungssieg!
Im ersten WM-Spiel unter dem neuen Headcoach Sean Simpson zeigte die Schweizer Auswahl ein erfrischendes Offensiveishockey. Die Letten wurden tief in ihrer Zone unter Druck gesetzt. Die gegnerischen Anspielpositionen an der Seitenbande wurden konsequent aus dem Spiel genommen. Dabei riskierten die Schweizer, defensiv etwas weniger kompakt organisiert zusein. Dies wurde in Kauf genommen, weil bei dieser Taktik dem Gegner wenig Zeit und Raum zur Entfaltung gelassen wird. Die mentale Komponente einer offensiveren Spielanlage ist, dass die Akteure von Anfang an gewillt sind, das Spiel in die Hand zu nehmen.
Unterschiede im Coaching
Sehr positiv in Erscheinung trat die Sturmlinie um Andres Ambühl. Vor allem der WM-Neuling Damien Brunner kreierte fast bei jedem Einsatz eine Torchance. Wenn man bedenkt, dass der ehemalige Klotener früher nie für eine Nachwuchsauswahl aufgeboten wurde, weil er als zu leichtgewichtig galt, ist seine Entwicklung umso erfreulicher. Auch das Début von Nino Niederreiter konnte als sehr gelungen bezeichnet werden. Und der Genfer WM-Neuling Paul Savary überzeugte als defensiv starker Center und war im Boxplay, zusammen mit Thomas Deruns, Simpsons erste Wahl. Auch im Coaching konnten Unterschiede zwischen Simpson und seinem Vorgänger festgestellt werden. Krueger teilte seine zwölf Stürmer jeweils in «sechs grüne» und «sechs rote» Stürmer ein–die einen spielten nur Powerplay, die andern nur Boxplay. Er verteilte damit die Belastung auf viele Schultern. Simpson hingegen forcierte einige Teamstützen wie das Berner Duo Martin Plüss und Ivo Rüthemann sehr stark, während einige andere wie beispielsweise Marcel Jenni kleinereRollen zugeteilt erhielten. So spielte Jenni nur bei Gleichzahlsituationen. Beide Coachingsysteme haben Vorteile. Am Ende gilt: Der Sieger hat stets recht! Der erste Auftritt der Schweiz an der WM in Deutschland machte Lust auf mehr!
Roger Bader, Mannheim

Dienstag 11. Mai 2010

Owetschkin und 15000 Russen in Köln

Die Vorrundenspiele einer Eishockey- WM sind für die Spitzenteams eher ein «Einrollen» für die Finalpartien. Sie stehen in diesen Spielen noch nicht unter Druck – zu gross ist der Niveauunterschied zu den «Kleinen». Die Schweden beispielsweise meldeten fürs erste Spiel erst 17 Akteure, da sie noch auf Verstärkungen aus der NHL warten. Demzufolge sind die Partien–abgesehen von jenen des Heimteams – selten ein Publikumsrenner. Doch am Sonntag war alles anders. 18500 Zuschauer in der Kölner Arena – und das im ersten Gruppenspiel. Das ganze Stadion war in Rot-Blau-Weiss getaucht. Es waren vermutlich über 15000 Russen, die frenetisch jubelten, als 45 Minuten vor Spielbeginn ihre Mannschaft für das Warmlaufen das Eis betrat. Denn er ist dabei: Alexander Owetschkin, der momentan beste Eishockeyspieler der Welt. Seit fünf Jahren ist er der beste Torschütze der NHL.
Begegnung mit Owetschkin
Owetschkins Teilnahme an der WM wurde nicht erwartet, weil seine Mannschaft, die Washington Capitals, das punktbeste Team dieser NHL-Saison war. Doch zur Überraschung vieler scheiterten die Capitals bereits in der ersten Playoff-Runde. Umso mehr freuen sich dieZuschauer in Köln, Owetschkin live zu sehen, und die russische Auswahl über die unerwartete Verstärkung. Meine erste Begegnung mit Owetschkin liegt acht Jahre zurück. Ich war damals Headcoach des Schweizer U18-Nationalteams, und wir trafen in einem Vorsaisonturnier im tschechischen Breclav auf Russland. Wir verloren das Spiel mit 3:6. Owetschkin erzielte drei Tore und war der überragende Spieler auf dem Eis. Nie zuvor hatte ich einen Spieler gesehen, der derart überlegen und durch nichts zu stoppen war. Einige Monate später begegneten wir uns wieder an der U18-WM im russischen Jaroslavl. Die Russen führten uns, angetrieben von Owetschkin, richtiggehend vor. Wir waren in allen Belangen chancenlos, obwohl in meinem Team auch gute Spieler wie Peter Guggisberg oder Roman Wick waren. Noch heute muss ich über meine damalige, naive Coaching- Massnahme schmunzeln. Ich hielt unseren Verteidiger Philippe Seydoux dazu an, Owetschkin einige Male mit gezielten Bodychecks zu ärgern. Bereits im ersten Einsatz liess er sich geschickt fallen – Seydoux musste auf die Strafbank, und Owetschkin erzielte eine Minute später im Powerplay sein erstes Tor.
Läuferisch sehr gut
Was sind denn Owetschkins Stärken? Er verfügt über alle Attribute, die ich für einen Weltklassestürmer definiere. Er ist stets gefährlich und kreiert in jedem Einsatz Chancen. Er ist läuferisch sehr gut, beweglich und hat einen explosiven Antritt. Er beherrscht Tricks und Finten in hohem Tempo und kann auch unter Druck den Puck kontrollieren. Sein Schuss ist erstklassig. Eher ungewöhnlich für einen Russen ist seine körperbetonte Spielweise. Wird die Mannschaft mit dem besten Akteur auch Weltmeister? Nicht unbedingt. Im ersten Gruppenspiel zeigte sich, dass die Russen gegen defensiv gut organisierte und kampfstarke Gegner durchaus Mühe haben, ihr Offensivpotenzial zu zeigen. Trotzdem lautet mein Tip: Die Russen treffen im Final auf Kanada, und Owetschkin wird bester Torschütze desTurniers.
Roger Bader, Köln

Mittwoch 12. Mai 2010

Rekordweltmeister als Medaillengarant

Eishockey ist in Kanada der wichtigste Sport. Das belegen folgende Zahlen: 500000 lizenzierte Eishockeyspieler und 2451 Eishallen, dazu 11000 Outdoor-Rinks. Bei so vielen Spielern ist es normal, dass Kanada jedes Jahr um den WM Titel spielt, obwohl sich die Teams von Jahr zu Jahr personell unterscheiden. An der vergangenen WM in der Schweiz waren Akteure wie Martin St.Louis, Dany Heatley oder Jason Spezza im Team – Spieler, welche in der NHL bereits zu den Stars gehören. Für dieWM in Deutschland haben die Kanadier eine neue Mannschaft aufgeboten. Nur Steven Stamkos war auch schon in der Schweiz dabei. Die aktuelle kanadische Mannschaft ist mit fünf Spielern unter 20 Jahren jung. Was zeichnet – ausser dem Talent – die Kanadier aus? Zur nordamerikanischen Eishockeykultur gehören zwei Merkmale: Grossen Wert wird auf die Taktik gelegt. Die Coachs wissen alles über die Gegner, kennen alle Erfolgsprinzipien und haben auf alle Situationen eine Antwort bereit. Statistiken führen und beurteilen hat im nordamerikanischen Sport eine grosse Bedeutung.
«Zeig mir das Kind!»
Nur das Resultat zählt – der Weg zumErfolg wirdpragmatisch durchgesetzt. Als ich einmal mit einem kanadischen Trainer diskutierte, sagte er mir: «Ich will nichts über die Schwangerschaft erfahren – zeig mir das Kind!» Das zweite Merkmal ist die Rollenverteilung bei den Spielern. Es gibt «Special-Teams» für Powerplay und Boxplay. Entweder hat ein Spieler die eine oder die andere Rolle inne.
Rollen werden übernommen
Der erste Powerplay-Block mit den Verteidigern Kris Russell und Brent Burns sowie den Stürmern Stamkos, John Tavares und Corey Perry ist Weltklasse. Gegen die Letten gelangen ihnen fünf Tore in den ersten fünf Überzahlsituationen. Haben die Kanadier eine Minderzahlsituation, geht stets die Formation mit Steve Ott, Brooks Laich, Francois Beauchemin und Tyler Myers zuerst aufs Eis. Bisher kassierten die vier noch kein Tor während eines gegnerischen Powerplays. Die Rollen werden klaglos übernommen, obwohl diese Spieler in ihren NHL-Clubs offensive Rollen haben. Heute spielt die Schweiz gegen Kanada. Um eine Chance zu haben, müssen die Spieler über sich hinauswachsen. Daneben dürfen den Kanadiern nicht zu viele Powerplay-Chancen geschenkt werden.
Roger Bader, Mannheim

Freitag 14. Mai 2010

Offensiv, frech und mit viel Spielwitz

Am Ende sang die Mehrheit der über 12000 Zuschauer in der ausverkauften Mannheimer Arena die Schweizer Nationalhymne. Auch ich war von diesem Spiel begeistert und ertappte mich dabei, dass ich mehr Fan als Experte war, dass ich plötzlich das Geschehen nicht mehr sachlich, sondern nur noch emotional beurteilte. Doch zurück zu den Fakten und zur Frage: Wie ist es möglich, dass eine Schweizer Eishockey- Nationalmannschaft ohne einen NHL-Spieler in ihren Reihen eine so talentierte kanadische Auswahl besiegt? Das wichtigste zuerst: Die Schweizer haben verdient gewonnen! Auch in der Vergangenheit gab es immer wieder solche Erfolge– zum Beispiel der Sieg gegen Russland an der WM in St.Petersburg 2000 oder der Triumph gegen Kanada an den Olympischen Spielen 2006 in Turin. Die Erfolgsformel war stets eine starke Defensive, mit fünf Spielern in der Mittelzone, dazu eine überragende Torhüterleistung. Auch Wettkampfglück sowie die Tatsache, dass der Gegner die Schweiz jeweils unterschätzte, waren entscheidende Punkte.
Sehr gutes Forechecking
Doch diesmal war es ganz anders. Die Schweizer setzten die Kanadier mit einem sehr guten Forechecking unter Druck und hatten trotz eines Schussverhältnisses von 32:18 für den Gegner die besseren Chancen als die Kanadier. In den ersten zehn Minuten waren die Schweizer zwar noch in Bedrängnis. Torhüter Tobias Stephan hielt die Schweizer mit seinen Paraden im Spiel, bis ihnen das überraschende 1:0 gelang. Dieser Treffer stärkte bei den Schweizern den Glauben an den Erfolg. Die Auswahl von Nationalcoach Sean Simpson spielte offensiv, frech und mit viel Spielwitz. Auch agierten die Schweizer mit respektlosem Körperspiel. Vor allem der 1,75m grosse Andres Ambühl überzeugte mit harten Bodychecks. Eine symptomatische Aktion war der Versuch des 1,96 m grossen Brent Burns, sich bei Ambühl für einen Check zu revanchieren. Er fiel dabei aufs Eis, Ambühl blieb stehen, die Fans tobten. Und es muss für Ambühl eine besondere Genugtuung gewesen sein, als er beim dritten Schweizer Tor den NHL-Goalie Chris Mason überlistete. Ambühl verbrachte die vergangene Saison in Nordamerika, erhielt aber von seinem Team, den New York Rangers, nie eine Chance, sich zu beweisen. Auch im Farmteam, den Hartford Wolf Packs, zollte man ihm nie den nötigen Respekt und teilte ihm nur eine kleine Rolle zu.
Gereizter MacTavish
Kanadas Trainer Craig MacTavish reagierte gereizt, als er hinterher von einem Journalisten gefragt wurde, warum sein Team die Schweizer unterschätzt habe. Das sei nicht so gewesen, sagte er. Möglicherweise trifft das auf ihn zu. Bei den Spielern bin ich mir nicht so sicher. Denn die Kanadier erreichten nicht ihr übliches Niveau. Das hatte natürlich auch mit der hervorragenden Leistung der Schweizer zu tun, denen ich an der WM noch weitere Überraschungen zutraue.
Roger Bader, Mannheim

Samstag 15. Mai 2010

Gute Voraussetzungen für den Viertelfinal schaffen

Die Schweiz hat sich souverän für die Zwischenrunde qualifiziert. Dort folgen nun die Spiele gegen Tschechien, Norwegen und Schweden. Für einen Platz in den Top acht genügt wohl ein Sieg – mit jedem weiteren Erfolg steigt die Wahrscheinlichkeit, im Viertelfinal nicht auf Russland zu treffen. Die drei Gegner der Schweiz in der Zwischenrunde sind alle als stark einzustufen – auch Norwegen. Grund genug, die drei Teams etwas genauer zu betrachten. Die Tschechen haben bisher in den Spezialsituationen überzeugt. Im Powerplay und Boxplay sind sie top. Über Reserven verfügen sie in der Chancenauswertung. Ausserdem waren die Torhüterleistungen bisher durchschnittlich. Der Star ist Jaromir Jagr. Zusammen mit seinem Clubkollegen Jakub Klepis (beide Avangard Omsk) bildet er das beste Sturmduo des Teams.
Nötig ist eine Topleistung
Eher enttäuschend war bisher die Performance der ersten Center Jan Marek und Roman Cervenka. Der junge NHL-Spieler Jakub Voracek gefiel mit seinem physischen Spiel, konnte aber noch keinen Skorerpunkt verbuchen. Der erfahrene Michal Rozsival von den New York Rangers ist einer der besten Verteidiger des Turniers. Ohne Zweifel benötigen die Schweizer gegen die Tschechen eine Topleistung fur den Sieg. Die Norweger verfügen über einen herausragenden ersten Block. Angeführt wird er vom ehemaligen Lugano-Akteur Patrick Thoresen. Überragend spielt auch sein Sturmpartner, der 23jahrige Mats Zuccarello. Er war in der vergangenen Saison der erfolgreichste Torschütze in der höchsten Liga Schwedens. Dominant tritt auch der zweite Mittelstürmer Anders Bastiansen auf. Doch das Gefälle im Team ist gross. Der erste Block kann Spiele entscheiden, der zweite Block ist gut, aber der dritte und vierte Block sind deutlich schwächer. Norwegens Boxplay ist zu wenig gut, um sich für die Viertelfinals zu qualifizieren. Die Schweiz wird Norwegen besiegen.
Der Vergleich mit Holland
Die Schweden sehen bei allem, was sie tun, immer gut aus. Technisch gut, läuferisch herausragend, elegant und virtuos. Sie sind die Philharmoniker unter den Eishockeyspielern. Dass sie nicht regelmässig Medaillen gewinnen, liegt an der mangelnden Effizienz und der letzten Konsequenz. Diesbezüglich ähneln sie den Holländern im Fussball – lieber den Gegner etwas vorführen als hoch gewinnen. Auch an dieser WM spielen die Schweden wunderschönes Eishockey, sind aber weder im Scoring noch im Powerplay überaus erfolgreich. Herausragende Akteure sind Tony Martensson, Mattias Weinhandl und Linus Omark. Ein Juwel ist der 19jahrige Magnus Paajarvi. Auch top sind die 20jährigen Verteidiger Victor Hedman, Oliver Ekman und Erik Karlsson. Aufgrund ihres Potenzials sind die Schweden ein Medaillenkandidat – wahrscheinlich scheitern sie aber auf dem Weg dorthin an einem kampfstarkenGegner. Das ist gegen Schweden auch die Chance der Schweizer.
Roger Bader, Mannheim

Montag 17. Mai 2010

Wenn das Spielmomentum entscheidet

Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: In den ersten 32 Spielen an dieser WM gewann fast stets diejenige Mannschaft, welche früh in Fuhrung ging. 26 von 32 Partien (81,3 Prozent) wurden von jenem Team gewonnen, welches das 1:0 erzielte. Sogar in 20 von 23 Spielen (87 Prozent) setzte sich eine Mannschaft durch, wenn sie das erste Drittel für sich entschieden hatte. In jedem Fall (27mal) gewann eine Equipe, wenn sie nach zwei gespielten Dritteln führte. Auch die Schweiz ging viermal mit 1:0 in Führung und gewann viermal die Partie. Was bedeutet dies für die Trainer? Soll der Coach seine Mannschaft taktisch so einstellen, dass sie mit viel Druck und totaler Offensive das Führungstor anstrebt– weil man dann ja gewinnt? So einfach ist es nicht! Denn es besteht die Gefahr, in einen Konter zu laufen, wenn vor lauter Offensivdrang die Defensive vernachlässigt wird. Gut organisierte Gegner warten auf solche Gelegenheiten und sind darauf eingestellt. Genau das ist Kanada gegen die Schweiz widerfahren. Nach zehn gespielten Minuten hatten die Kanadier führen müssen. Ein starker Goalie Tobias Stephan und etwas Wettkampfglück verhinderten jedoch den Rückstand. Die Schweiz erzielte mit ihrer ersten Chance das 1:0 und doppelte zwei Minuten später nach. Die Kanadier waren geschockt – das Momentum des Spiels drehte sich auf die Schweizer Seite.
Nicht über den Gegner sprechen
Soll der Coach seine Mannschaft eher vorsichtig und defensiv orientiert einstellen, um ja nicht ein frühes Tor zu erhalten? Bei einer solchen Haltung besteht die Gefahr, dass das Team zu passiv und zu ängstlich agiert und damit dem Gegner die Führung und das Spielmomentum schenkt. Nach meiner Erfahrung ist es das Beste, vor der Partie gar nicht über das Resultat, zu erzielende Tore oder den Gegner zu sprechen. Das lenkt nur ab, und die Spieler setzen den Focus auf falsche, nicht zu beeinflussende Faktoren. Am meisten Erfolg verspricht, sich auf die Ausfuhrung der taktischen Prinzipien des eigenen Teams – also das Umsetzen der eigenen Stärken – zu konzentrieren. Dies beinhaltet offensive und defensive Schwerpunkte. Warum ist es so schwierig, Ruckstände aufzuholen? Eine Mannschaft, die in Führung liegt, verteidigt noch hartnäckiger und macht vor allem in der Mittelzone die Räume eng. Dies bedeutet, dass eine Mannschaft weniger zu den im Eishockey so wichtigen Transitionssituationen–schnelles Umschalten von Defensive auf Offensive – kommt wie bei einer offeneren Spielweise des Gegners. Das Kreieren von solchen Situationen ist deshalb so entscheidend, weil im Eishockey nachweislich 90 Prozent der Tore in den ersten fünf Sekunden nach einem Puckgewinn fallen.
Kein Klasseteam am Turnier
Ein Merkmal einer Klassemannschaft ist, dass sie Rückstände wettmachen kann und das Spielmomentum wieder auf seine Seite holen kann. Das ist noch keiner Equipe an dieser WM gelungen. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass heuer zwar viele gute Mannschaften am Turnier sind – zu diesen gehört auch die Schweiz –, aber eben kein Klasseteam. Es wird interessant sein, wenn die Schweiz und Russland aufeinandertreffen sollten. Beide waren an dieser WM noch nie im Rückstand. Gewinnt dann wieder die früh in Führung gehende Mannschaft? Oder beweist ein Team besondere Klasse? Irgendwie ist der Schweiz in diesem Jahr alles zuzutrauen.
Roger Bader

Mittwoch 19. Mai 2010

Im Fussball undenkbar – im Eishockey Realität

Eine Eishockey-WM findet jedes Jahr statt. Dies ist ganz anders als zum Beispiel im Fussball, wo es nur alle vier Jahre zu diesem Grossanlass kommt. Dafür aber finden im Fussball auch Kontinentalmeisterschaften wie beispielsweise die EM oder der Afrika- Cup statt. Solches gibt es im Eishockey nicht. Aussergewöhnlich ist im Eishockey auch die Situation, dass während einer WM die Playoff-Spiele in der NHL, der besten Liga der Welt, stattfinden. Man stelle sich einmal eine Fussball- WM ohne die Spieler von Manchester United, Bayern München, Inter Mailand und Barcelona vor, weil sie gleichzeitig noch in der Champions League engagiert sind. Im Fussball undenkbar – im Eishockey Realität! Einzig während der Olympischen Spiele ruht der NHL-Spielbetrieb, so dass an diesem Turnier alle Nationen mit ihren besten Spielern antreten können. Das Niveau ist darum auch entsprechend höher. Viele Fachleute diskutieren darum über den Sinn oder den Unsinn, dass im Olympiajahr auch eineWM stattfindet. Zwei solche Grossanlässe innerhalb von vier Monaten ist wie wenn in derselben Zeitspanne im Fussball eine WM und eine EM durchgeführt würden.
Haupteinnahmequelle
Dieser Umstand hat vor dieser Eishockey-WM zu vielen Absagen geführt. Kaum ein Team war nicht davon betroffen. Bei den Schweden waren es über 30 Spieler, bei den Tschechen 25 Akteure, die absagten. Auch die Finnen reisten kaum jemals mit einer so wenig prominent besetzten Mannschaft an eine WM. Wahrscheinlich konnten darum Nationen wie Dänemark, Norwegen und Deutschland Teams besiegen, gegen die sie normalerweise verlieren. Auch die Schweiz hat möglicherweise davon profitiert. Obwohl auch sie 21 Absagen verkraften musste, ist mit sieben Spielern des Olympiateams ein guter Kern vorhanden. Bei den Kanadiern war nur ein Akteur auch in Vancouver dabei. Das soll aber nicht die hervorragenden Leistungen der Schweizer schmälern. Für den Internationalen Eishockeyverband stellt sich die Sinnfrage gar nicht. Denn die jährlich stattfindende WM ist die Haupteinnahmequelle des Verbandes. Darauf kann und will man auch im Olympiajahr nicht verzichten. Auch für das Gastgeberland lohnt sich jeweils die Durchführung. Die Universität Osnabrück hat mit einer Studie aufgezeigt, dass der volkswirtschaftliche Nutzen der WM 2001 in Deutschland rund 100 Millionen Euro betrug. Heute, zehn Jahre später, wird mit grösseren Beträgen gerechnet. Auch für den Zuschauer kann eine WM im Olympiajahr interessant und attraktiv sein. Viele sehr junge Spieler zeigen ihr Können in Mannheim und Köln. Spieler wie die Kanadier John Tavares, Matt Duchene, Evander Kane, die Schweden Magnus Pääjärvi, Victor Hedman, der Slowake Richard Panik und der Schweizer Nino Niederreiter wären jetzt kaum an der WM, wenn es nicht so viele Absagen gegeben hätte.
Starke russische Mannschaft
Daneben kommen die Zuschauer auch in den Genuss, noch einmal einige ehemalige Spitzenspieler an einem Grossanlass im Einsatz zu sehen. Die beiden ältesten Akteure sind der 43jährige Däne Jesper Duus und der 41jährige Russe Sergei Fedorow. Unbeeindruckt von den eingangs erwähnten Überlegungen sind die Russen. Nachdem sie bereits eine sehr starke Mannschaft für die Vorrunde gemeldet hatten, wurden jetzt noch die NHL-SpielerPavel Datsyuk und Evgeni Malkin, nachdem sie mit ihren Teams in den NHL-Playoffs ausgeschieden sind, nachnominiert. Mit diesem Kader sind die Russen der Topfavorit an der WM.
Roger Bader

Donnerstag 20. Mai 2010

Der deutsche Trumpf ist die Defensive

Nach sechs Runden innerhalb von zwölf Tagen sind an der Eishockey- WM die Viertelfinalteilnehmer ermittelt. Normalerweise qualifizieren sich dafür stets die Top sieben der Weltrangliste, die achte Mannschaft wechselt jedes Jahr. Immerhin sechsmal in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Schweiz für die Viertelfinals qualifiziert – stets war dann aber Endstation. Die Schweiz hatte aber auch immer gegen starke Gegner wie Russland, Kanada oder Schweden anzutreten. In diesem Jahr ist fast alles anders. Teams wie Weissrussland oder Lettland sind bereits ausgeschieden, die USA wurden sogar in die Abstiegsrunde verwiesen. Die vier Viertelfinals in der Übersicht:
Schweiz – Deutschland
Selten war in den vergangenen Jahren die Chance für die Schweiz derart gross, sich für die Halbfinals zu qualifizieren. Als Gegner wartet nicht ein Spitzenteam, sondern Deutschland. Doch aufgepasst: Die Deutschen spielen vor Heimpublikum und haben bereits bewiesen, dass sie dies beflügelt. Sie haben an dieser WM all ihre Schlüsselspiele gewonnen – und zwar stets dann, wenn sie unter grossem Druck standen. Das Startspiel vor ungewohnter Kulisse, die wichtige Partie gegen Dänemark, um der Relegationsrunde zu entgehen, und das Spiel gegen die Slowakei, als es darum ging, sich für die Viertelfinals zu qualifizieren. Der Trumpf der Deutschen ist die Defensive um den starken Torhüter Dennis Endras. Nur acht Gegentore kassierten die Deutschen in achtzehn Dritteln. Das ist ein Spitzenwert. Der Star des Teams ist Christian Ehrhoff, ein erfahrener NHL-Verteidiger der Vancouver Canucks. Obwohl einiges für Deutschland spricht, tippe ich auf einen Schweizer Sieg.
Schweden – Dänemark
Die Dänen gehören zu den grossen Überraschungen des Turniers – obwohl seit Jahren ihre Fortschritte unverkennbar sind. Der erste Block um die beiden NHL-Spieler Frans Nielsen und Peter Regin ist gut im Powerplay und kann jeden Gegner fordern. Gegen die starken Schweden, die sich in der Zwischenrunde von Spiel zu Spiel steigerten, wird das aber nicht reichen. Unglaublich ist bei den Schweden, wie sich der 19jährige Magnus Pääjärvi Svensson präsentiert. Die Schweden werden diesen Vergleich gewinnen.
Finnland – Tschechien
Die Finnen haben gute Mittelstürmer, die auch stark am Bully sind. Drei der besten acht Bully- Spieler dieser WM sind Finnen. Einer davon ist der bei Kloten tätige Tommi Santala. Der andere «Schweizer» ist Petteri Nummelin. Der 38jährige Lugano-Akteur ist der beste Skorer aller Verteidiger an dieser WM. Die Finnen verfügen mit den NHL-Akteuren Jussi Jokinen, Antti Miettinen und Jarkko Immonen über eine gute erste Sturmlinie. Dahinter fehlen aber die Skorer, um die Tschechen zu besiegen. Mein Tip: Tschechien erreicht die Halbfinals.
Russland – Kanada
In den vergangenen beiden Jahren standen sich diese Teams jeweils im Final gegenüber. Dass sie an dieser WM so früh aufeinandertreffen, hat mit den mässigen Leistungen der Kanadier zu tun. Sie konnten die Ausfälle von Ryan Smith und Steve Stamkos nicht kompensieren. Stamkos spielt zwar wieder, ist aber nach wie vor nicht fit. Die Russen sind mit ihrer sehr stark besetzten Mannschaft Favorit. Aber Achtung! In Alles-oder-nichts-Partien sind die Kanadier stets eine Klasse besser. Dennoch reicht es Russland zum Sieg. Die Schweizer gegen die Russen im Halbfinal: Das wäre ein Highlight!
Roger Bader

Dienstag 25. Juni 2010

Zu viele Häuptlinge, zu wenig Indianer

Eine ganz und gar ungewöhnliche Weltmeisterschaft ging am Pfingstsonntag zu Ende. Die Schweiz besiegte Kanada, Deutschland stand mit einem Bein im Final – und die USA musste in die Relegationsrunde. Es war die WM der Jungen – der künftigen Topstars des internationalen Eishockeys wie John Tavares oder Magnus Pääjärvi Svensson. Und doch siegte am Ende mit Tschechien die älteste und routinierteste Mannschaft des Turniers. Neun Spieler waren über 30 Jahre alt – angeführt vom unverwüstlichen Jaromir Jagr.
Für mich keine Überraschung
Der Sieg der Tschechen gegen die Russen war eine grosse Überraschung. Nicht aber für mich, nachdem ich beide Halbfinals gesehen hatte. Für mich stand fest, dass wenn die Russen Weltmeister werden würden, dies nur aufgrund der individuellen Klasse ihrer Spieler passiert wäre. Als Team haben sie versagt. Offenbar sah der Headcoach Slawa Bykov das Unheil kommen, den er sagte bereits an der Pressekonferenz nach dem knappen Sieg gegen Deutschland im Halbfinal: «Heute sah man ein Team mit Herz gegen ein Team mit Superstars.» Nicht anders war es im Final gegen die Tschechen. Die Russen verstrickten sich in Einzelaktionen, hatten zu viele Häuptlinge und zu wenig Indianer im Team. Am besten sah man dies beim ersten Powerplay-Block. Die Spieler Alexander Ovechkin, Ilya Kovalchuk, Evgeni Malkin, Pavel Datsyuk und Sergei Gonschar erzielten in ihren NHL-Teams vergangene Saison 400 Skorerpunkte. Sie waren aber an der WM nicht im Stande zusammen als Block, ein erfolgreiches Überzahlspiel aufzuziehen. Alle fünf wollten Skorer oder Playmaker sein – niemand machte die «Drecksarbeit».
Das Muster Aussenseitersieg
Die Tschechen besiegten die favorisierten Russen nach dem gängigen Muster grosser Aussenseitersiege: Eine frühe Führung, das Engmachen der Räume durch eine perfekte Defensive, Organisation, dazu eine leidenschaftlich kämpfende Mannschaft mit einem herausragenden Torhüter und auch das notwendige Wettkampfglück beanspruchend. Die Russen machten es den Tschechen aber auch einfach, indem sie keine Strategie gegen das Defensivsystem des Gegners erkennen liessen und nur auf die herausragenden Fähigkeiten ihrer Superstars bauten. Auch von der Bande kamen keine Impulse. Wie Barcelona in der Fussball Champions League gegen Inter Mailand hatten die Russen etwa zwei Drittel Spielanteile. Ovechkin und Co wurden aber sehr gut abgeschirmt und neutralisiert. Genauso wie das Inter vor einigen Wochen mit Lionel Messi machte.
Gesteigert wie Roger Federer
Die Tschechen haben sich den Titel verdient, weil sie sich in der zweiten Hälfte der WM deutlich gesteigert haben–und das bedeutet Weltklasse! Auch Roger Federer spielt zu Beginn eines Grand Slams nicht immer sein bestes Tennis. Die Tschechen verloren zwar zu Beginn der WM gegen Norwegen und die Schweiz, gewannen dann aber gegen Kanada, Finnland, zweimal gegen Schweden und zuletzt gegen die Russen. Defensiv waren sie die besten und hatten mit Tomas Vokoun einen herausragenden Goalie. Für die Schweiz bleibt die Genugtuung, den Weltmeister besiegt zu haben. Falls die Chicago Black Hawks in dieser Saison den NHL-Titel gewinnen, wäre Sean Simpson wohl der erste Trainer, der im selben Jahr den Weltmeister und aufgrund des Erfolgs im Victoria-Cup mit den ZSC Lions auch den Stanley-Cup-Sieger bezwungen hat.
Roger Bader, Köln

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