EHC Uzwil

WM Bully mit Roger Bader

Für das St. Galler Tagblatt verfasst Roger Bader einen exklusiven täglichen Hintergrundbericht zur WM 2011. Der 46-Jährige ist ein profunder Kenner des Schweizer Eishockeys. Als Headcoach betreute er die U18-Auswahl an drei Weltmeisterschaften. Seit vier Jahren ist Bader Trainer des 1.-Liga-Clubs Uzwil.

Freitag, 29. April 2011

Defizite mit starkem Kollektiv wettmachen

Als professioneller Eishockeycoach ist es immer wieder ein Höhepunkt, eine Weltmeisterschaft – für mich ist es bereits die zwölfte – zu besuchen. Eigentlich interessiert mich alles, was rund um die Spiele passiert. Genauso gerne wie die Spiele besuche ich die Trainings, um Weltklasse- Spielern wie Jagr, Nash, Gaborik oder Johnson zuzuschauen. Aber auch um zu sehen, wie unterschiedlich dieCoaches ihreTeams auf die Begegnungen vorbereiten. Auch interessieren mich ihre Reaktionen auf Siege oder Niederlagen an den Pressekonferenzen. Als ehemaliger Headcoach des Schweizer U18-Nationalteams weiss ich, wie hoch die Anspannung für Coaches und Spieler an einer Weltmeisterschaft ist. Es interessiert mich zu sehen, wie andere Trainer damit umgehen. Und natürlich interessiert mich die Entwicklung «meiner» ehemaligen U18-Spieler – hier in Kosice Tobias Stephan, Daniel Manzato, Philippe Furrer, Romano Lemm, Victor Stancescu und Kevin Lötscher– und der damaligenGegner aus anderen Teams.

Den Trend bestätigen
Nachdem die Schweizer Mannschaft letztes Jahr an der ersten WM in Deutschland unter der Führung von Sean Simpson mit dynamischem Offensiveishockey überzeugte, interessiert die Frage, ob dieses Jahr dieser Trend bestätigt werden kann. Wie ist das Potenzial des Teams einzuschätzen? Auf der Torhüterposition ist die Schweiz mit Tobias Stephan und Leonardo Genoni gut besetzt. Trotzdem bleibt die Frage, ob sie die herausragenden Auftritte von Martin Gerber und Jonas Hiller, die in den vergangenen Jahren immer das Fundament einer erfolgreichen Schweizer Mannschaft bildeten, fortführen können. Die Verteidigung ist routiniert und WM-erfahren.Mathias Seger, Julien Vauclair und Goran Bezina gehörten schon in der Ära Ralph Krueger zum Stamm. MitRaphael Diaz ist der beste Verteidiger der vergangenen NLA-Saison im Team.Luca Sbisa, der diese Saison den Durchbruch zum NHLStammspieler geschafft hat, verstärkt die Defensive mit seinen physischen Qualitäten zusätzlich. Möglicherweise fehlt aber das kreative spielerische Element, weil Mark Streit, Severin Blindenbacher und Roman Josi in der Slowakei fehlen.

Starke Individualisten fehlen
Hinter dem Sturm steht ein grosses Fragezeichen. Es fehlt an herausragenden Einzelspielern, welche auf dem internationalen Parkett Akzente setzen und durch individuelle Aktionen eine Entscheidung erzwingen können. Auch deshalb hat sich noch kein Schweizer Stürmer in der NHL durchgesetzt. Zwar sind die beiden starken Angriff-Duos der letzten WM, Martin Plüss/Ivo Rüthemann und Andres Ambühl/Thibaut Monnet, wieder dabei. Es fehlen aber mit Damian Brunner– dem Aufsteiger im letztjährigen WM-Team – und Roman Wick zwei Stürmer, die auch auf internationalem Niveau erfolgreich sein können. Interessant wird auch sein, wie gut sich die fünf WM-Neulinge im Angriff in Szene setzen können. Die Schweiz muss mögliche Defizite mit einem starkenKollektiv wettmachen.
Roger Bader,Kosice

Montag, 2. Mai 2011

Der Speed der Supertalente

Topnationen komplettieren ihr WM-Kader oftmals mit sehr jungen Spielern im Alter von 19 bis 21 Jahren. Die Kanadier und die Schweden haben je sechs Spieler mit Jahrgang 1990, die Amerikaner drei. Oft sind diese sehr talentierten Spieler in der ersten Runde des NHL-Drafts gezogen und darum einem schwächeren Team zugeteilt worden. Aus diesem Grund qualifizieren sich diese Spieler mit ihren Teams in den ersten beiden Jahren als NHL-Spieler kaum für die Playoffs und stehen somit dem Nationalteam zur Verfügung. An der WM in der Slowakei sind das Spieler wie die Kanadier John Tavares und Jeff Skinner, der Amerikaner Cam Fowler und der Schwede Magnus Päjäärvi. Sie alle gelten als künftige Superstars, werden in den nächsten zehn Jahren die NHL mit ihren Fähigkeiten dominieren und kaum mehr an einer WM zu bestaunen sein.

Das gesamte «Package»
Was zeichnet diese Spieler aus, dass sie so jung im Nationalteam bereits dominierende Rollen in einem der ersten Blöcke spielen können? Als Vergleich dazu im ersten Block der Schweiz sind Martin Plüss, Ivo Rüthemann und Ryan Gardner alle über 33jährig. Die Supertalente bringen das gesamte «Package» mit – in der NHL spricht man von «Speed, Skills,Size» und «GameSense». Sie haben sowohl physisch wie auch technisch herausragende Fähigkeiten und können das Spiel gut lesen. Als wichtigste Fähigkeit gilt aber die Schnelligkeit. Zum einen bedeutet das, über einen guten «Speed» zu verfügen. Dieser entsteht, wenn perfekte Skatingtechnik mit kräftigen Beinen gepaart wird. Der Schwede Päjäärvi, einer der schnellsten Spieler an der WM, ha tBeine wie Baumstämme. Sehr wichtig ist es auch, nach schnellen, mobilen Richtungsänderungen, explosiv beschleunigen zu können. Die Kanadier Tavares und Skinner haben die Fähigkeit, dies mit der Scheibe zu tun. Sie sind darum offensiv stets gefährlich, weil sie Zweikämpfe gewinnen und Torchancen kreieren können. Im Fussball kennt man das von Lionel Messi und Christiano Ronaldo. Es genügt aber nicht, schnell beschleunigen und laufen zu können. Ein Spieler muss fähig sein, im Spiel gut zu antizipieren und schnell Entscheidungen zu fällen. Dies gelingt Spielern wie Tavares undPäjäärvi so gut,weil sie es sich von der NHL gewöhnt sind. Die Intensität – auch wegen der kleineren Spielfelder – ist sehr hoch.

Niederreiter Tick zu langsam
Im letztjährigen NHL-Draft wurde Nino Niederreiter als fünfter gezogen – so früh wie kein Schweizer zuvor. Ich traue ihm eine grosse NHL-Karriere zu. Dieses Jahr wurde er aber nach neun Spielen für die Islanders für den Rest der Saison nach Portland ins Juniorenteam geschickt, um weitere Erfahrungen zu sammeln. Es wird berichtet, er sei noch in jeder Beziehung «einen Tick zu langsam ». Im selben Draftjahr wurde Skinner als Nummer sieben gezogen. Obwohl physisch schwächer als Niederreiter, spielte er diese Saison alle 82 NHL-Spiele, schoss 31 Tore und kommt an der WM in der Toplinie zum Einsatz. Der Unterschied? Richtig: Der Speed.
RogerBader,Kosice

Dienstag, 3. Mai 2011

Jährliche Herausforderung für die Kanadier

Der grossartige 4:1-Sieg der Schweiz gegen Kanada an der WM 2010 in Mannheim ist noch in bester Erinnerung. Dieser führte dazu, dass Kanada wegen der schlechten Zwischenrangierung bereits im Viertelfinal auf Russland traf und gegen Ovechkin & Co. ausschied. Die Kanadier gehören auch in diesem Jahr zu den Favoriten. Sie stellen ein sehr junges und talentiertes Team, das auf die typisch nordamerikanischen Tugenden setzt. Die Zusammenstellung ist einzigartig. Wie jedes Jahr setzt sich das Team aus Spielern zusammen, welche die NHL-Playoffs verpasst haben – aus den «Loosern» der Saison. Aus diesen muss der Coaching- Staff eine schlagkräftige Mannschaft zusammenstellen und innert zehn Tagen auf Top-Niveau bringen. Man stelle sich ein Schweizer Team vor, das nur aus Spielern der Teams aus dem Playout besteht. Bei uns undenkbar, für das kanadische Team jedes Jahr Realität.

Jeder kennt seine Rolle
Dies ist nur möglich, weil die Kanadier ein allen bestens bekanntes System mit einfachen pragmatischen Grundprinzipien spielen. Auch die Rollenverteilung ist im nordamerikanischen Eishockey sehr ausgeprägt. Wer für die WM nominiert wird, weiss ganz genau, für welche Rolle er vorgesehen ist. So brauchen die Spieler keine Anlaufzeit. Trotzdem ist diese Teambildung jährlich die grösste Herausforderung für das kanadische Trainerteam, welches auch jedes Jahr neu ist. Headcoach Ken Hitchcock–erfahren aus über 1000 NHL-Partien und 1999 Stanley-Cup-Sieger mit den Dallas Stars – hat für die diesjährige WM eine starke Mannschaft mit einer guten Mischung aus kreativen Spielern und harten Arbeitern zusammengestellt. Die Verteidiger sind physisch sehr stark – alle zwischen 1,88 und 1,93 m gross. Star in der Abwehr ist der beeindruckende Hüne Dion Phaneuf, eine der grössten Persönlichkeiten der NHL. Im Sturm teilen sich die Top-Stars Jason Spezza und Rick Nash sowie die «jungen Wilden» John Tavares, Jeff Skinner und Matt Duchene die offensiven Rollen.

Typische Energie-Linie
Auch das Team 2011 verfügt über eine für Kanada typische Energie-Linie. Andrew Ladd, Chris Stewart und vor allem der «verrückte» Cal Clutterbuck checken jeden Gegner, der sich ihnen in den Weg stellt und entlasten so die Stars von der «Drecksarbeit». Erstaunlich ist, dass diese Spieler in ihren NHL-Teams zu den offensiven Spielern und besten Skorern zählen. Für die WM jedoch wurden sie für die «Run, gun und Hit»- Rolle angefragt. Sie akzeptieren diese und stellen den Teamerfolg über den persönlichen Erfolg.
RogerBader,Kosice

Donnerstag, 5. Mai 2011

Kurze Wechsel gegen physische Dominanz

Zur kanadischen Eishockey-Philosophie gehört es, den Gegner physisch dominieren zu wollen. Das zeigt sich zum einen darin, dass bei der Selektion des Kaders sehr auf die athletischen Faktoren geachtet wird. Das kanadische Team in Kosice ist durchschnittlich 1,88 m gross und 94 kg schwer. Bei den Schweizern sind es 1,83 m und 88 kg. Die athletischen Vorteile der Nordamerikaner sollen auch gewinnbringend eingesetztwerden, durch ein konsequentes Körperspiel. Die «hard working guys» checken den Gegner müde und schaffen damit Raum und Zeit für die Superstars, um Torchancen zu kreieren. Genau das haben die Kanadier im Spiel gegen die Schweiz im zweiten Drittel getan. Angeführt vonDion Phaneuf, der zu Beginn zwei harte Checks ansetzte, erspielten sich die Kanadier in dieser Periode deutliche Vorteile. Umso erstaunlicher war die Reaktion der Schweizer Mannschaft im letzten Drittel. Es waren die kleinen Spieler wie Andres Ambühl und IvoRüthemann, die unerschrocken die physisch deutlich stärkeren Kanadier mit beherztem Körperspiel ärgerten und die eigene Mannschaft zurück ins Spiel brachten.

Mehr Einsätze, aber kürzere
Interessant war, wie der Schweizer Nationaltrainer Sean Simpson die physischen Vorteile der Kanadier mit geschicktem Coaching zu kompensieren versuchte. Er wechselte die Formationen deutlich schneller aus, damit die physischeEnergie intensiver genutzt werden konnte. Der Spieler mitdenmeisten Einsätzen war Raphael Diaz mit 39 Shifts, die aber durchschnittlich nur 30 Sekunden dauerten. Der Kanadier Phaneufhatte 28Shifts mitdurchschnittlich 49 Sekunden Einsatzzeit. Mit mehr, aber kürzeren Einsätzen konnten die Schweizer die Intensität des Gegners mitgehen.

Viel Aufwand für ein Tor
Ein zweites Merkmal des nordamerikanischen Eishockeys ist es, von fast überall die Scheibe zum Tor zu spedieren–ganz nachdem Motto: Jeder Schuss ist eine Torchance. In der europäischen Eishockey- Philosophie wird eher versucht, «gute Torchancen» herauszuspielen und erst dann aufs Tor zu schiessen, wenn die Gelegenheit günstig scheint. Im Spiel gegen die Schweiz schossen die Kanadier fast doppelt so oft aufs Tor wie die Gegner. Sie trieben also einen viel grösseren Aufwand, um schliesslich nur ein Tor mehr als die Schweizer zu erzielen. Der kanadische Headcoach Ken Hitchcock lobte die Schweizer entsprechend. Es war ein Kompliment für das Auftreten eines Teams, das sich von Spiel zu Spiel steigert.
Roger Bader,Kosice

Samstag 7. Mai 2011

Mit einer starken Kollektivleistung zum Exploit

Nach der Niederlage gegen Norwegen reicht den Schweizern im besten Fall ein Sieg gegen die stärker eingestuften Schweden oder Amerikaner.UmohnefremdeHilfe die Viertelfinals zu erreichen, sind zwei Siege aus den verbleibendenzweiPartien nötig.Grund, optimistisch zu sein, besteht. Denn unser Team spielt immer dann am besten, wenn es in der Aussenseiterrolle ist. An der WM 2010 in Deutschland bezwangen die Schweizer Kanada und Tschechien. In diesem Jahr war die bisher beste Leistung des Teams im Spiel gegen das deutlich favorisierte Kanada.Umgekehrt hat unsere Mannschaft immer Mühe gegen defensiv eingestellte Gegner wie Norwegen und Frankreich. In der Favoritenrolle fehlen der Schweiz die internationalen Klassespieler, die oft den Unterschied ausmachen. Auch an der erfolgreichen WM 2010 gingen Spiele gegen Norwegen und Deutschland aus diesen Gründen verloren.

Captain Wallin und die 1990er
Um die Schweden zu besiegen, braucht es eine herausragende Kollektivleistung. Die Schweden sind individuell besser besetzt. Die ersten zwei Blöcke sind erstklassig. Das Flügelpaar Eriksson/ Nilsson ist offensiv sehr stark. Dazu kommen die talentierten 1990er-Jahrgänge, die sich allesamt bereits in der NHL als Leistungsträger durchgesetzt haben. So etwa der beeindruckende Verteidiger Ekman-Larsson, der schnelle Läufer Mattias Tedenby und Magnus Päjäärvi, der vergangenes Jahr mit 19 Jahren ins Allstar- Team der WM berufen wurde. Der frühere Lugano-Spieler Rickard Wallin führt als Captain die «jungen Wilden» und stellt sich klaglos in den Dienst der Mannschaft. Der Schwachpunkt des Teams sind die Torhüter.

Angriff ist die beste Verteidigung
DieSchweiz darf gegen Schweden nicht zu defensiv auftreten. Die Schweden sind sich gewohnt, gegen Mannschaften zu spielen, die mit allen fünf Spielern in der Mittelzone stehen und versuchen, die Räume eng zu machen. Durch ihre Fähigkeit, die Scheibe auch unter Druck in den eigenen Reihen zirkulieren zu lassen, haben sie keine Mühe, sich gegen ein solches System des Gegners durchzusetzen. Eine ihrer Stärken ist es, in der Angriffszone die Scheibe zu kontrollieren und durch geschicktes Rotieren des ganzen Fünferblocks Torchancen zu kreieren. Die Schweiz soll gegen Schweden offensiv und frech auftreten. Mit gutem Forechecking müssen die schwedischen Verteidiger unter Druck gesetzt und zu Scheibenverlusten gezwungen werden. Bei einem Puckgewinn soll schnell und konsequent der Abschluss gesucht werden. Mit diesem Stil überraschten die Schweizer vergangenes Jahr die Kanadier.

Beide Goalies sind genug stark
Der mentale Effekt dieser Taktik ist, dass dieSchweizer gezwungen werden, zu agieren, anstatt auf Fehler des Gegners zu warten. Dies muss zu einer kampfstarken Kollektivleistung führen. Und immer, wenn die Schweiz in der Vergangenheit einen Exploit schaffte, war der Torhüter der herausragende Individualist. Das ist morgen sowohl Tobias Stephan als auch Leonardo Genoni zuzutrauen.

Montag 9. Mai 2011

Auch Owetschkin konnte die Tschechen nicht stoppen

Die beiden Tschechen Jaroslav Bednar und Petr Sykora wurden vor einigen Wochen mit dem HC Davos Schweizer Meister. Der Playoff-Topskorer und der beste Torschütze der Qualifikationsspiele der Schweizer Meisterschaft spielten eine überragende Saison. Trotzdem waren sie für den tschechischen Nationalcoach Alois Hadamczik kein Thema bei der Selektion des Nationalteams. Daraus kann man erahnen, wie stark besetzt die tschechische Mannschaft für die diesjährige Weltmeisterschaft sein muss. Im Gegensatz zu vielen andern Teams verzichteten die Tschechen für die Welttitelkämpfe in der Slowakei fast ganz auf junge Talente und haben mit zehn Spielern über 30 Jahren die erfahrenste und älteste Mannschaft an dieser WM. Zwölf von ihnen waren im letztjährigen Team, welches den Weltmeistertitel gewann. Neun Spieler spielen aktuell in der nordamerikanischen NHL, elf in der russischen KHL – die meisten von ihnen haben ebenfalls eine Vergangenheit in der nordamerikanischen Liga.

Herausragende Figuren
Die herausragenden Spieler sind die Verteidiger Marek Zidlicky und Karel Rachunek (der beste Verteidiger der vergangenen KHL-Saison) sowie die Stürmer Patrick Elias und Jaromir Jagr. Jagr, der 39jährige ehemalige NHLTopskorer und Stanley-Cup-Sieger schiesst nicht mehr so viele Tore wie früher, ist aber immer noch eine grosse Spielerpersönlichkeit. Er ist fähig, die Scheibe unter grossem Druck zu kontrollieren und darum die Aufmerksamkeit von mehreren Gegnern auf sich zu ziehen. Dadurch schafft er Freiräume für seine Stürmerpartner Tomas Plekanec und Roman Cervenka. Ondrej Pavelec von den Atlanta Trashers setzt die Tradition tschechischer Weltklasse-Torhüter fort. Die Defensive ist die Stärke des tschechischen Teams. Es ist sehr schwierig gegen die Osteuropäer zu Torchancen zu kommen. Erst sieben Gegentore in bisher fünf WM-Spielen in Bratislava unterstreichen diese These.

Einzigartiges Spielsystem
Im tschechischen Spielsystem ist seit vielen Jahren der linke Flügel der defensiv eingestellte Stürmer. Er sichert als Dreierkette zusammen mit den Verteidigern die offensiv ausgerichteten Center und rechten Flügel ab. Er übernimmt diese Aufgabe auch in der eigenen Zone – dies wird weltweit in keinem anderen Spielsystem so praktiziert. Auch im Boxplay stellen sie das beste Team. Im gestrigen Spiel gegen Russland erhielten sie in Unterzahl erstmals ein Gegentor. Zuvor schaffte kein gegnerisches Powerplay, die Tschechen zu bezwingen.

Von der Abwehr in den Angriff
Eine weitere Stärke der Tschechen ist ihr «Transitionspiel» –das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff. Im Eishockey werden über 80 Prozent der Tore innert fünf Sekunden nach Scheibengewinn erzielt. Im Kreieren schneller Gegenangriffe sind sie das beste Team an der diesjährigen WM. Auch das erstarkte Russland, neu mit Superstar Alexander Owetschkin, konnte die bisher stärkste Mannschaft des WM-Turniers 2011 nicht stoppen. Aufgrund ihres Auftretens sind die Tschechen für mich nicht nur ein würdiger Titelverteidiger, sondernder deutliche Favorit auf den Weltmeistertitel – auch ohne die beiden Davoser Bednar und Sykora.

Mittwoch 11. Mai 2011

Schweizer Weltklassestürmer fehlen weiter

Auf der Homepage des internationalen Eishockeyverbandes IIHF – www.iihf.com – wurde im Vorfeld der WM die Frage aufgeworfen, ob die Schweiz dieses Jahr reif für eine Halbfinalqualifikation sei. Nach dem fünften Rang im Vorjahr in Deutschland sind in der breiten Öffentlichkeit die Erwartungen gestiegen. Das Erreichen der Viertelfinals ist Pflicht, ein Vordringen in die Halbfinals wird als realistisches Ziel eingestuft. Ich bin anderer Meinung. Ein Erreichen der Viertelfinals ist immer noch ein Erfolg für die Schweiz. In den vergangenen sechs Jahren wurde dieses Ziel nur dreimal erreicht – also in 50 Prozent der Fälle. Dieses Jahr sind auch die Slowaken gescheitert, und dies an ihrer Heim-WM mit einem prominent besetzten Team. Vor einem Jahr musste die USA den Gang in die Relegationsrunde antreten.

Bestes Boxplay an dieserWM
Dies soll die Leistungen der Schweiz nicht schönreden. Die Ziele wurden nicht erreicht, das Auftreten war nicht so stark wie letztes Jahr. Woran lag es? Die Schweiz spielte auch an dieser WM diszipliniert, defensiv solid, verfügte über zwei sehr gute Torhüter. Dazu hatte man mit einer Effizienz von 96,30 Prozent das beste Boxplay aller Teams. In sechs Spielen nur ein Gegentor in Minderzahl zu erhalten, zeugt von Weltklasse. Diese Kriterien alleine sollten eigentlich genügen, um in die Runde der letzten Acht vorzustossen. Dass dies nicht gelang, lag an der ungenügenden Offensivleistung. Das Verpassen der Viertelfinals hat wenig damit zu tun, ob das Spielsystem etwas offensiver oder defensiver interpretiert wird. Die Wahrheit – und das wissen Kenner schon lange – ist einzig die Tatsache, dass es denn Schweizern an Weltklassestürmern fehlt. An Spielerpersönlichkeiten, die auf diesem Niveau den Unterschied machen und mit einer einzigen Aktion das Momentum eines Spiels verändern können. Das ist auch einer der Hauptgründe für das mangelhafte Powerplay. Wir haben in der Schweiz viele gute Spieler und auch einige sehr gute, aber eben keine herausragenden. Keiner von ihnen könnte in einem NHL-Team in den ersten beiden Blöcken spielen– ein Label für Weltklasse.

Hoffnung auf Niederreiter
Ein Weltklassestürmer kann sich im Eins-gegen-Eins durchsetzen und hat mindestens eine herausragende, unvergleichliche Stärke – ein Markenzeichen. Die einzigen Schweizer, denen ich das momentan zutraue, sind der verletzte Zug-Stürmer Damian Brunner – seine Unbekümmertheit und Kreativität hat in der Slowakei gefehlt – und Roman Wick, der aber diese Saison in Nordamerika viel Anlaufzeit benötigte, um sich durchzusetzen. Grosse Hoffnungen ruhen auf dem 18jährigen Nino Niederreiter, der beim NHL Draft 2010 als erster Schweizer in den Top-10 gezogen wurde. Dies bedeutet, dass man ihm eine NHL-Karriere in einer der ersten beiden Sturmreihen zutraut. Für das Schweizer Eishockey ist es wichtig, dass er sich durchsetzt und weitere Junge seinem Beispiel folgen können.

Freitag 13. Mai 2011

Drei Herausforderer für die Tschechen

Nach sieben Spielen in 14 Tagen stehen vier Mannschaften in den Halbfinals der Eishockey-WM in der Slowakei. Fast immer qualifizieren sich dafür vier Teams aus den Top sechs der Weltrangliste. Deutschland im vergangenen Jahr an der Heim-WM bildete eine Ausnahme. Finnland und Tschechien haben sich in den vergangenen elf Jahren je sechsmal qualifiziert, Russland siebenmal. Die Schweden sind sogar seit elf Jahren stets im Halbfinal.

Tschechien – Schweden
Diese Paarung gab es bereits 2010. Die Schweden waren Favorit, dominierten während zwei Dritteln und verloren das Spiel noch in Overtime. Zu Reden gab damals ein Time-out des schwedischen Headcoaches Bengt-Ake Gustafsson zehn Sekunden vor Schluss, das den Tschechen den Ausgleich ermöglichte. Diesmal sind die Vorzeichen umgekehrt. Die Tschechen sind nach sieben gewonnen Spielen der Favorit auf den Weltmeistertitel und somit auch im Halbfinal gegen die Schweden favorisiert. Aber Achtung: In «Alles oder nichts»-Spielen kann immer alles passieren. Eine einzelne herausragende Aktion kann das Momentum des Spiels verändern. Die Schweden haben genügend Spieler, die die Klasse für einen individuellen Exploit haben. Loui Eriksson, Patrick Berglund und Magnus Päjäärvi sind Weltklassestürmer und dazu fähig. Viktor Fasth ersetzte nach der Startniederlage gegen Norwegen Stammtorhüter Erik Ersberg und ist seither der statistisch beste Torhüter der Weltmeisterschaft mit 97,4 Prozent gehaltenen Schüssen und durchschnittlich 0,8 Gegentoren. Trotz dieser Vorzüge tippe ich auf einen Sieg der Tschechen – sie sind schlicht zu stark.

Finnland – Russland
Die Finnen sind an dieser Weltmeisterschaft die Spezialisten für enge Spiele. Dreimal – gegen Lettland, Deutschland und Russland – gewannen sie nach Penaltyschiessen. Jedesmal war mit Jarkko Immonen derselbe Spieler für den entscheidenden Penalty verantwortlich. Das Team besteht aus vier NHL-Spielern und acht Spielern aus der russischen KHL. Immerhin neun Akteure spielten die vergangene Saison in der finnischen Liga. Star des Teams sind die beiden 1983er-Jahrgänge Mikko Koivu, Captain des NHL-Teams Minnesota Wild, und Tuomo Ruutu von den Carolina Hurricanes. Die Finnen sind läuferisch und technisch eine sehr gute Mannschaft. Doch ich bin überzeugt, dass Halbfinalgegner Russland stärker ist. Darum mein Tip: Russland wird Tschechien im WM Final herausfordern.

Dienstag 17. Mai 2011

Weltmeister Finnland – je länger, desto stärker

Die Finnen sind erstmals seit 16 Jahren–und erst zum zweitenmal überhaupt–Eishockey-Weltmeister. Kaum jemand hätte vor drei Wochen auf sie gesetzt. Sie hatten weder die besten Individualisten des Turniers im Team noch die herausragenden Stars, wie beispielsweise die Russen mit Alexander Owetschkin und Ilja Kovaltschuk. Auch waren die Finnen nicht in allen Spielen so souverän wie die Tschechen, die nur eine Partie – mit dem Halbfinal allerdings eine entscheidende – verloren haben. Die Finnen haben sich diesen Titel verdient, weil sie sich in der zweiten Hälfte der WM deutlich gesteigert haben. Sie hatten die besten «Wettkampf»-Skills aller Teams und überzeugten als starkes Kollektiv. Kämpferisch waren sie herausragend. Aufsässig und mit grosser Laufarbeit setzten sie die Gegner mit ihrem 1-1-3-System permanent unter Druck. Sie waren defensiv hervorragend organisiert und störten die gegnerischen Teams erfolgreich in deren Spielaufbau.

Zermürbende Laufarbeit
So fanden in den Finalspielen die favorisierten Russen und Schweden weder Raum noch Zeit. Die für die Gegner zermürbende Laufarbeit, gepaart mit einem konsequenten Körperspiel, erzeugte eine so hohe Intensität, dass alle Gegner gegen Schluss des Spiels einbrachen. Die provozierten Scheibenverluste nutzten die Finnen zu gefährlichen Kontern. Die Statistik untermauert diese These: In neun Spielen erzielten die Finnen insgesamt nur zwei Tore im Startdrittel – in den neun letzten Dritteln waren sie mit 15:2-Toren überragend. Das heisst, je länger ein Spiel dauerte, desto besser wurden die Finnen. Trotz des starken Kollektivs gilt es einige Akteure speziell zu erwähnen. Die NHL-Spieler Mikko Koivu und Tuomo Ruutu waren nicht die spektakulärsten Spieler dieser WM, aber mit ihrem Kampfgeist und überragenden Führungsqualitäten das Fundament des finnischen Erfolgs. Jarkko Immonen – einst von den New York Rangers ausgemustert – war bester Torschütze des Turniers. Mit seiner Spielintelligenz war er der Schlüsselspieler im starken finnischen Powerplay, das im Halbfinal und Final einer der Vorteile gegenüber den Gegnern war.

EinKünstler und ein Routinier
Der spektakulärste Finne war der erst 19jährige Mikael Granlund. Sein unglaubliches Führungstor gegen die Russen – auf YouTube zu bewundern – zeigt, was für ein Künstler mit demPuck der Jungstar ist. Er ist läuferisch herausragend und kann trotz geringer Körpergrösse die Scheibe auch unter grossem Druck kontrollieren. Der künftige Spieler der Minnesota Wild ist auch ein genialer Passgeber. Ebenfalls grossen Anteil am Erfolg hatte Petri Vehanen, der beste Goalie des Turniers. Der 34jährige Routinier erhielt nur acht Gegentore in acht Spielen.

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