EHC Uzwil

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9. März 2012

«Eine unvergesslich schöne Zeit»

Familie Tietzen auf Shoppingtour in der Grossstadt.

Dave Tietzen war von 1990-1994 während vier Saisons Trainer beim 1. Ligisten EHC Uzwil. 2002 kehrte der gebürtige Kanadier dem Eishockey-Geschäft und der Schweiz den Rücken und reiste in seine Heimat zurück.

DOMINIK MOSER

Nach dem sportlichen Abenteuer in der Nationalliga B Ende der 80er-Jahre und dem finanziellen Beinahe-Kollaps - der EHC Uzwil wies zu diesem Zeitpunkt Schulden in der Höhe von einer Million Franken auf - übernahm Dave Tietzen in der Saison 1990/1991 eine sehr junge Truppe und führte diese erfolgreich auf Schlussrang 4. Nach vier mehrheitlich erfolgreichen Saisons in Uzwil verliess Tietzen die Ostschweiz in Richtung Bülach. Später war er auch noch je zwei Saisons bei den GCK Lions in der Nationalliga B und in Arosa tätig.

Trainergeschäft den Rücken gekehrt

Im Frühling 2002, nach fast 20 Jahren Aufenthalt in der Schweiz, entschied sich der Kanadier, gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Powell River, einer kanadische Küstenregion im Nord-Westen Vancouvers, zu ziehen.

Tietzen fühlte sich nach der langen Zeit als Trainer ausgebrannt. Die vielen intensiven Jahre waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. «Ich merkte, dass ich etwas Neues brauchte. Ich war immer der Typ Trainer, der jeden Tag zu 100 Prozent bereit war, und immer das Optimum aus meinem Team herausholen wollte», sagt Tietzen mit Blick zurück. «Gegen Ende meines Engagements in Arosa merkte ich jedoch, dass nicht mehr alle Spieler bereit waren, diesen Weg mit mir zu gehen. Dies erleichterte meine Entscheidung, einen neuen Weg einzuschlagen.»

Golf-Ressort im Eigenbau

Doch Tietzen ging nicht etwa nach Kanada zurück, um dort die Füsse hochzulegen und das Leben zu geniessen. Schliesslich hatte er eine Familie zu ernähren. Er machte sich daran, in Powell River einen 9-Loch Golfplatz und einen 18-Loch Puttingplatz zu erbauen - eigenhändig! «Ich brachte diese Zeit für mich. Bei den Bauarbeiten war ich auf mich alleine gestellt, ich musste nicht noch zusätzlich auf 20 andere Spieler schauen. Das habe ich wirklich genossen.» Was daraus geworden ist, ist eine wunderschöne Golfanlage inmitten der kanadischen Natur. Das Dorf, in dem sehr viele Rentner wohnen, liegt direkt am Meer. «Im Sommer kommen auch viele Touristen mit ihren Campern und geniessen das Golfen, Fischen und Biken hier», erzählt ein hörbar stolzer Besitzer.

Eishockey stets präsent

Im Winter, wenn auf dem Resort nicht viele Arbeiten zu erledigen sind, steht der mittlerweile 54-jährige Kanadier selbst fast jeden Tag auf dem Platz und versucht, sein Golf-Handicap zu verbessern. Von April bis Oktober bleibt dafür nur wenig Zeit, dann ist Hochbetrieb im Familienunternehmen Tietzen: «An den Wochenenden helfen mir meine beiden Töchtern gerne auch mal bei kleinen Arbeiten. Meine Frau Sandy unterstützt mich ebenfalls, wenn ich ihre Hilfe brauche.» Zu tun gibt es einiges. Schliesslich muss die Anlage für die Gäste immer in einem Topzustand sein. Da wird das Rasenmähen auf dem riesigen Gelände zu einer wahren Meisterleistung.

Die beiden Mädchen Kiely (13) und Marcy (11) gehen in Powell River zur Schule. Sie sprechen beide fliessend Schweizerdeutsch, weil ihre Mutter ursprünglich aus Horgen/ZH kommt. Auch Dave spricht – nachdem er vor mittlerweile fast zehn Jahren die Schweiz verlassen hatte – nach wie vor sehr gut Deutsch.

Auf Junioren gesetzt

Seinen Start in Uzwil bezeichnet der kleine Kanadier als nicht einfach: «Nach dem Abstieg aus der NLB mussten wir uns wieder vermehrt auf die Ausbildung der eigenen Spieler konzentrieren. Ich hatte das klare Ziel, wieder viele eigene Junioren in die 1. Mannschaft einzubauen.»

So beorderte Dave Tietzen während seiner Zeit in Uzwil regelmässig sehr junge Spieler ins Kader der 1. Mannschaft. Darunter waren Spieler wie Lars Leuenberger, Vjeran Ivankovic oder Mathias Seger. Letzterer ist heute Rekordnationalspieler in der Schweiz. Dies sind nur drei von vielen jungen Spielern, die damals unter der Ägide von Tietzen den Schritt ins Fanionteam geschafft haben. «Ich hatte auch das Glück, dass ich einige erfahrenere Spieler im Kader hatte, an dessen Seite ich ohne Bedenken junge Spieler einsetzen konnte. Bruno Hidber beispielsweise hatte damals im Alter von 28 Jahren als Center neben sich einen 16- und einen 17jährigen Flügelspieler. Das funktionierte problemlos.»

Unvergessene Anekdoten

Im Februar 2010 wurde Tietzen mit seiner Familie anlässlich der Olympischen Spiele in Vancouver von Mathias Seger und Martin Plüss eingeladen, das Olympische Dorf und Spiele der Schweizer Nationalmannschaft zu besuchen.

Beim Treffen in Vancouver wollte Seger von seinem ehemaligen Trainer wissen, warum er damals die verrückte Idee gehabt habe, ihn im Alter von 15 Jahren bei einem Testspiel gegen den HC Thurgau gleich gegen die ausländische Sturmlinie einzusetzen. «Ich antwortete ihm schmunzelnd, dass er heute noch gegen die ausländischen Linien spiele. Das waren genau meine Überlegungen. Ich wollte die jungen Spieler in gewissen Situationen ins kalte Wasser werfen, im Wissen, dass sie daraus viel lernen werden und dies zu einem späteren Zeitpunkt umsetzen können. Als Trainer musst du bereit sein, ein gewisses Risiko zu nehmen. Das wird sich irgendwann bezahlt machen.»

Vjeran Ivankovic habe er immer darauf hingewiesen, dass er den unbedingten Willen, ein Tor zu schiessen, entwickeln müsse. An einem Auswärtsspiel habe er ihm dann gesagt, dass er für jedes Tor einen Big Mac bekomme: «Vjeran war damals 15 Jahre alt und schoss in diesem Spiel vier Tore. Solche Geschichten vergisst man nicht.»

Ein täglicher Kampf

Tietzen würde eigentlich gerne wieder einmal auf Besuch in die Schweiz kommen. Doch seine Gesundheit lässt dies momentan nicht zu. Vor neun Jahren, also kurze Zeit nach seiner Rückkehr nach Kanada, diagnostizierten die Ärzte bei ihm Lungenkrebs. Fünf Jahre lang wurde der Krebs mit Strahlungstherapien und Operationen bekämpft. «Das war eine enorm harte Zeit, die mich und mein Umfeld extrem gefordert hatte. Es war ein täglicher Kampf ums Überleben. Schliesslich habe ich 60 Prozent meiner linken Lunge verloren.»

Dem Eishockeyliebhaber geht es wieder etwas besser. Er könne heute ein fast normales Leben führen. Für einen 10-Meter-Sprint reiche die Kraft aus, bei 100 Metern werde es aber bereits kritisch. Die Ärzte meinen, das Schlimmste sei überstanden. Beim Gespräch merkt man ihm nichts von seiner Krankheit an. Er sprüht eine solche Lebensfreude aus. Wie gesagt, möchte er gerne wieder einmal in die Schweiz kommen. «Doch im Winter ist es schwierig wegen der Kälte und der hohen Ansteckungsgefahr», erklärt er und fügt hinzu, «Im Sommer gibt es auf dem Golfplatz viel zu tun. Aber vielleicht lässt es sich doch einmal einrichten.»

Besuch aus der Schweiz

Angesprochen auf die Schweiz, sagt Tietzen, dass er vor allem die vielen Kollegen und die lustige Zeit vermisse. Was Schweizer Spezialitäten anbelangt, kommt er jedoch nicht zu kurz. Ob Appenzeller Käse, Fondue oder Raclette, im Hause Tietzen ist die Schweizer Käsekultur sehr präsent. Gelegentlich kommt auch Besuch aus der Schweiz. Tietzen freut sich immer besonders, wenn er Freunde aus alten Zeiten begrüssen kann: «Die Türe steht immer für alle offen. Wir empfangen hier jeden mit offenen Armen.» Eine Reise ist es allemal wert. Die kanadische Unbekümmertheit der Natur, direkt am Meer, es muss ein Traum sein.

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Man hat mich arbeiten lassen

Dave Tietzen kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er über seine Zeit in Uzwil zu sprechen beginnt. «Uzwil war etwas sehr Spezielles für mich. Es war meine erste Station als Cheftrainer. Die Leute haben mir sehr viel Vertrauen geschenkt, dafür bin ich ihnen noch heute sehr dankbar.»
Man glaubt es kaum, aber der Mann kann noch heute sämtliche Spielerkader aus den vier Saisons in der Uzehalle lückenlos aufzählen: «Die Leute waren immer so herzlich zu mir. Man hat mich in Uzwil arbeiten lassen, das habe ich sehr geschätzt.» (dom.)

Geschichten gibt es viele

Eine besondere Geschichte spielte sich an einem Auswärtsspiel im Derby gegen den EC Wil ab: «Uns fehlte an diesem Abend unser Ersatztorhüter. Ein Spieler wies mich darauf hin, dass unser damaliger Pressechef, Stefan Grob, eine Lizenz gelöst hat, und dieser bei den Junioren auch schon im Tor stand. Ich willigte ein und nahm in als zweiten Torhüter mit nach Wil.»
Fünf Minuten vor Schluss, beim Stand von 5:1 für den EHC Uzwil, wechselte Tietzen seinen Stammgoali Urs Räber aus und brachte Stefan Grob. «Ich sehe Stefan noch genau vor mir stehen, wie er mich mit offenem Mund und grossen Augen angeschaut hat», erzählt er und rührt sich beinahe zu Tränen. (dom.)

Impressionen

Dave Tietzen 2004 in Kanada

So sah die Golfanlage von Familie Tietzen im Jahr 2004 noch aus.

EHC Uzwil Saison 1991/1992

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